Der 1. Mai stand in der Vergangenheit bereits öfter für Wut. Daher ist dieser Tag einer, den ich in aller Regel so verbringe, dass ich möglichst wenig in Kontakt mit dieser Wut oder ihren Anhängern komme.
Dieses Jahr durfte ich an diesem Datum unglücklicherweise einige Stunden auf einer Notfallambulanz verbringen. Und da mein schwindender Anpassungswille mit dem Fortschreiten meiner Peri-Menopause einhergeht, wurde ich dieses Jahr ausgerechnet dort an diesem Datum auch einmal wütend.
Die Behandlung war unfassbar freundlich und zugewandt, von dieser Seite keine Beschwerden, im Gegenteil. Einiges versetzte dennoch in Staunen. In Rage gebracht, hat mich am diesjährigen 1. Mai folgender Satz: „Bei Mädchen nähen wir grundsätzlich öfter.“
Voraus ging diesem Satz die Diskussion, ob die Kinnwunde der kleinen Patientin genäht oder geklebt werden sollte. Die Sachlage war anscheinend relativ klar, es ging nur noch darum, die Mutter abzuholen. Ich habe mich der Situation entsprechend natürlich beherrscht, dennoch rutschte mir der Satz heraus, dass es grundsätzlich nicht ihre Aufgabe ist, anderen zu gefallen.
Mir ist bewusst, dass wir alle das Patriarchat internalisiert haben, und ich fordere keinesfalls einen Gang zurück ins Matriarchat. Darum geht es nicht. Auch mir rutschte im ersten Schreck die Aussage nach dem Arzt heraus, und ich korrigierte das direkt etwas erschrocken. Randnotiz: Wir begegneten an diesem Tag vielen Menschen in Kitteln – durchwegs Frauen.
Nein, mir geht es darum, dass bereits in so jungen Jahren von Mädchen erwartet wird, dass sie gefallen. Anderen, nicht sich selbst. Ginge es tatsächlich nur um diesen Aspekt, warum werden Jungs dann anders behandelt? Auch das macht mich wütend.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Oberflächlichkeit und Ungleichheit, die mich so reizt. Trotz meiner Bereitschaft, sie zu verstehen, gelingt mir dies schlicht nicht.
Menschen können nie alle gleich berechtigt sein, heisst es gerne. Wir sind schliesslich Individuen. Und auch ich selbst bin schon oft in diese Logik getappt, habe Preise an vermeintliche Budgets angepasst oder für andere mitgedacht.
Kinder sind hier ausgenommen. Das macht es leichter – und gleichzeitig auch schwerer. Wo ist ihre Lobby? Warum wird so selbstverständlich über sie entschieden, statt mit ihnen? Warum wird gerade hier so oft gespart?
Diskussionspotenzial ohne Ende. Richtig oder falsch wird dann doch schnell unscharf, wenn die verschiedenen Ebenen an Fakten einfliessen.